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27.07.2018

Albtour 2018 - Tag 4

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Heute hatten wir wieder ein abwechslungsreiches Programm. Am Morgen besuchten wir die Firma Tress Nudeln in Münsingen, bei der ich schon auf meiner ersten Tour vor 10 Jahren vorbeigeschaut hatte. Anschließend haben wir uns im wunderschönen Café Ausemländle mit einem Integrationsmanager der Stadt Münsingen getroffen. Danach am Nachmittag sind wir eine ordentliche Strecke durch die Hitze geradelt, um in Bleichstetten Nicla Hercher und ihre Reit- und Pferdeschule zu besuchen. Und krönender Abschluss war mein Albtour-Jubiläumsfest im Adler in Meidelstetten.

Kaum waren wir bei Nudel Tress angekommen, mussten wir uns erst einmal umziehen. Und anschließend sahen wir alle aus wie kleine Chirurgen – in weißen papiernen Kitteln und einem blaugrünen Häubchen auf dem Kopf. Die Führung übernahm Norbert Tress, der Bruder von Firmengründer Franz, der sich als 19-jähriger 1969 eine Nudelmaschine kaufte und los legte. Sein Ansinnen war es, Nudeln zu machen, die wie selbstgemacht schmecken. Und das gelang ihm. Heute gehört Tress zu den führenden Nudelherstellern in Deutschland. Riesige Maschinen verarbeiten bei ihm täglich rund 280.000 Eier, eine entsprechende Menge Hartweizengrieß und frisches Albwasser zu Nudelteig. Die Produktion einer Nudel dauert im Schnitt zwischen fünf und neun Stunden. Die Temperaturen in der Halle können locker mit den heutigen Mittagswerten unter freiem Himmel mithalten. Und gleichzeitig herrscht ein ständiges Dröhnen und Stampfen, ein Röhren und Klopfen. Alle, die hier schaffen, tragen Lärmschutzkopfhörer. Anders wäre es gar nicht auszuhalten. 14.000 Tonnen Nudeln produziert Tress pro Jahr. In Discountern werden die nicht verkauft, dafür sind sie zu gut.

Nach der Nudel vollführten wir einen riesigen thematischen Sprung und trafen den Münsinger Integrationsmanager im Café Ausemländle. 2015 kam er aus Afghanistan nach Deutschland und lebte zunächst im Feriendorf in Gomadingen. Er lernte in einem rasanten Tempo Deutsch und konnte schon nach neuen Monaten die neue Sprache fließend sprechen. Das öffnete ihm Türen. Seit Oktober 2017 ist er Integrationsmanager in Münsingen. Zusammen mit einem Kollegen betreut er rund 200 Geflüchtete vor Ort. Er berät sie, wenn es um Wohnraum geht, um Sprachkurse, um die Suche nach einer Ausbildung oder einem Arbeitsplatz. Er begleitet sie auf Ämterwegen und steckt Integrationsziele mit ihnen fest. Und er hilft ihnen, den Alltag in Deutschland zu bewältigen. Was sind dabei die Probleme? Er braucht nicht lange nachzudenken. Oft gibt es Probleme zwischen den Kulturen. Und es gibt Vorbehalte aufgrund der Religionen. In persönlichen Gesprächen gibt er Denkanstöße. Und sobald die Menschen die Sicherheit haben, dass andere nicht mehr abfällig über ihre Religion oder ihr Volk reden, verändert sich ihre Haltung. Probleme gibt es aber auch ganz handfeste: Wohnraum für die geflüchteten Menschen ist auf der Alb genauso knapp wie in Reutlingen. Es fehlt an Kinderbetreuungsmöglichkeiten für die Frauen, die Sprachkurse besuchen wollen. Und manchmal wollen Behörden einen jungen Geflüchteten abschieben, obwohl er eine Ausbildung macht und daher ein Bleiberecht hat. Für mich ist klar, wir brauchen eine andere Politik, dann kann Integration auch gelingen.

Nach der Integration sind wir wieder thematisch ganz woandershin gesprungen: denn nach einigen Radkilometern wurden wir plötzlich alle zu Pferdeflüsterern. Nicla Hercher zeigte uns in ihrer Reit- und Pferdeschule in Bleichstetten, wie das geht. Sie arbeitet mit Schulen zusammen, um Kindern beispielsweise zu zeigen, wie sie ihr Selbstbewusstsein stärken oder Gewalt vermeiden können. Denn die Arbeit mit ihren fünf Pferden kann Kinder verändern. Einmal, so erzählt sie, kam mit einer Klasse ein Junge mit arabischen Wurzeln, der schon gern ein kleiner Macho gewesen wäre, doch vor den großen Pferden hatte er etwas Angst. Hercher erzählte ihm, dass einige ihrer Tiere auch Araber seien, und schon war das Eis gebrochen. Habibi, habibi rief der Junge den Pferden zu. Und dann sang er einer Stute ein arabisches Liebeslied vor.

Kinder, aber auch Erwachsene, lernen im Umgang mit Pferden, klar und deutlich auszudrücken, was sie wollen, meint Hercher. Und das geht nicht mit der Sprache, denn Pferde sind leise. Sie achten stattdessen auf unsere Körpersprache, deshalb können wir die zur Kommunikation einsetzen – und schon sind wir Pferdeflüsterer. Pferde lassen sich allein über körperliche Signale führen – das konnten wir bei Hercher sehen, und es auch selbst ausprobieren. Sich aufrichten und den eigenen Körper anspannen reichte aus, um dem Pferd zu signalisieren: Jetzt geht’s los. Ließ die Körperspannung nach und atmeten wir hörbar aus, blieb auch das Pferd stehen. Es war faszinierend, zu sehen, dass es tatsächlich funktioniert. Allerdings gibt es auch Clowns unter den Pferden. Der achtjährige Sahib etwa, der uns anknabberte, uns seine Zunge rausstreckte und mit bleckenden Zähnen lachte. Um ihn zu führen, braucht es schon eine versierte Pferdeflüsterin – bei uns hatte der Wallach nur Flausen im Kopf.

Am Abend hatte ich meine früheren Gastgeber_innen in den Adler nach Meidelstetten zum Jubiläumsfest eingeladen. Im Biergarten verbrachten wir einen sehr entspannten Abend und genossen das gute Essen. Pünktlich zum Jubiläumsfest gab es auch noch eine außergewöhnliche Mondfinsternis, die wir uns von einem Acker aus anschauten. Und in der Nacht loderte ein Feuer für uns im Hof. Ein gelungener Abschluss unseres Tages.

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  1. Beate Müller-Gemmeke
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