„Es ist doch nicht überall Krieg“ – warum dieser Satz nur falsch ist

Immer wieder lese ich in unschönen Kommentaren, dass ukrainische Geflüchtete doch zurückgehen könnten. Dass es in der Ukraine ja „nicht überall Krieg“ gebe. Dieser Satz klingt harmlos. Aber er ist falsch. Er trifft mich zutiefst. Und er wird der Realität der Menschen in der Ukraine in keiner Weise gerecht.

Denn Krieg bedeutet heute nicht nur Frontlinien und Gefechte. Krieg bedeutet auch: gezielte Angriffe auf Strom, Wärme und Wasser. Er bedeutet Nächte voller Luftalarme, zerstörte Infrastruktur und einen Alltag, in dem grundlegende Dinge nicht mehr verlässlich funktionieren. Besonders im Winter wird es lebensgefährlich.

Seit Monaten beschießt Russland systematisch die Energieinfrastruktur der Ukraine. Kraftwerke, Umspannwerke, Heizsysteme und Wasserleitungen werden immer wieder angegriffen – oft nachts, oft großflächig. Die Folgen sind für die Zivilbevölkerung unmittelbar spürbar: Wohnungen bleiben kalt, Strom fällt stunden- oder tagelang aus, Wasser ist teilweise nicht verfügbar. Gleichzeitig herrscht ein extrem kalter Winter. In vielen Regionen fallen die Temperaturen nachts weit unter null. Selbst tagsüber bleibt es oft im Minus. In einem Land, in dem Wärme, Strom und Wasser fehlen, ist das keine Randerscheinung, sondern eine existenzielle Bedrohung.

Ich habe Ende Oktober selbst eine solche Nacht in der Ukraine erlebt. Die Flugrouten von Raketen und Drohnen zeigen, wie umfassend und wahllos das ganze Land betroffen ist. Die Luftalarme dieser Nacht machten klar: Es gibt keine Regionen, die einfach „nicht im Krieg“ sind. Die Gefahr ist überall präsent – auch dort, wo gerade keine Front verläuft.

Eine zerstörte Schule, wie sie auf dem Bild zu sehen ist, steht stellvertretend für viele Orte, an denen ziviles Leben getroffen wurde. Schulen, Krankenhäuser, Wohnhäuser – sie werden nicht zufällig beschädigt, sondern sind Teil eines Krieges, der gezielt die Lebensgrundlagen der Menschen angreift.

Gleichzeitig zeigt das Bild aus Mykolajiv, was es braucht, um unter diesen Bedingungen überhaupt überleben zu können. Die Wasseraufbereitungsanlagen sind dort notwendig, weil die reguläre Versorgung seit den Bombardierungen zu Beginn des Krieges nicht mehr zuverlässig funktioniert. Sauberes Trinkwasser ist kein selbstverständlicher Teil des Alltags mehr, sondern Ergebnis von Hilfe, Solidarität und großem Einsatz vor Ort.

Wer behauptet, Menschen könnten einfach zurückkehren, weil es angeblich „nicht überall Krieg“ gebe, blendet all das aus. Es gibt kein normales Leben ohne verlässliche Wärme, ohne Strom, ohne Wasser. Es gibt keine Sicherheit, wenn Infrastruktur gezielt zerstört wird. Und es gibt keine Rückkehr in einen Alltag, der unter permanentem Beschuss steht.

Diese Bilder zeigen keine Ausnahmen. Sie zeigen die Realität eines Landes im Krieg – gerade jetzt, im Winter. Und sie erklären, warum Schutz, Unterstützung und Solidarität weiterhin notwendig sind.