Vier Jahre Krieg gegen die Ukraine – meine Gedanken

Vier Jahre.

Vier Jahre völkerrechtswidriger Angriffskrieg.
Vier Jahre Zerstörung, Leid und Verlust.
Vier Jahre, in denen sich das Unfassbare in den Nachrichten fast normalisiert hat.

Doch für die Menschen in der Ukraine ist nichts normal.

Ich war in diesen vier Jahren fünfmal jeweils eine gute Woche im Süden des Landes – in Odessa, in Mykolajiw, Ismajil, in Arzis. Ich habe zerstörte Infrastruktur gesehen. Krankenhäuser, die unter schwierigsten Bedingungen weiterarbeiten. Schulen, die trotz Luftalarm in Bunkern unterrichten. Städte, die lernen mussten, mit täglicher Bedrohung zu leben.

Vor allem aber habe ich Menschen erlebt.

Mutige Menschen.
Würdevolle Menschen.
Menschen, die nicht aufgeben.

Frauen, die Familien zusammenhalten, während Männer an der Front sind.
Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, die trotz Stromausfällen und Raketenangriffen kommunale Verantwortung tragen.
Freiwillige, die Lebensmittel verteilen, alte Menschen versorgen, Generatoren organisieren.

Mit einer kleinen Hilfsorganisation aus meiner Region – Ermstal hilft – unterstützen wir diese Menschen. Es ist beeindruckend, was auch kleine Initiativen bewegen können, wenn sie verlässlich und solidarisch handeln. Trinkwasseraufbereitung, medizinische Unterstützung, direkte Hilfe vor Ort – konkrete Solidarität zählt.

Was dieser Krieg konkret bedeutet, zeigt eindrucksvoll der Dokumentarfilm
“Kherson: Human Safari“ von Zarina Zabrisky.

Ich kenne Zarina durch meine Reisen. Während wir humanitäre Hilfe leisten, ist sie als Kriegskorrespondentin vor Ort – mit Kamera, Mikrofon und unerschütterlicher Entschlossenheit – nicht aus sicherer Distanz, sondern mitten im Geschehen. Ihr Film dokumentiert die Besatzung, den Widerstand, die Befreiung und die bis heute andauernden Angriffe auf die Stadt Cherson. Er zeigt auch das, was kaum auszuhalten ist: den gezielten Einsatz russischer Drohnen zur Jagd auf Zivilistinnen und Zivilisten – auf Menschen, die einkaufen gehen, Wasser holen oder einfach nur unterwegs sind.

Der Film macht sichtbar, was hinter abstrakten Schlagzeilen steht: Gesichter. Stimmen. Leben.

Ich kann nur empfehlen, diesen Film anzuschauen – und ihn, wo immer möglich, als Kino-Abend oder gemeinsame Veranstaltung zu organisieren. Solche Bilder schaffen Verständnis. Und sie lassen keinen Raum für Gleichgültigkeit.

Der Krieg ist nicht abstrakt.
Er trifft konkrete Menschen.

Er trifft die Großmutter, die ihr Haus verloren hat.
Das Kind, das den Luftalarm als Geräusch seiner Kindheit kennt.
Den jungen Mann, der nicht weiß, ob er zurückkehrt.

Vier Jahre Krieg bedeuten vier Jahre Leben im Ausnahmezustand für Millionen Menschen. Und doch begegnet mir bei jeder Reise vor allem eines: Würde. Entschlossenheit. Der unerschütterliche Wille, in Freiheit zu leben.

Dieser Mut verpflichtet uns.

Solidarität darf nicht nachlassen.

Sie darf nicht relativieren.
Sie darf nicht wegsehen.

Die Ukraine verteidigt nicht nur ihr eigenes Territorium.
Sie verteidigt das Recht auf Selbstbestimmung, auf Demokratie, auf Freiheit.

Vier Jahre sind vier Jahre zu viel.
Aber Aufgeben ist keine Option.

Unsere Aufgabe hier ist klar:
Solidarisch bleiben.
Helfen, wo wir helfen können.
Politisch klar bleiben.
Und den Menschen in der Ukraine zeigen: Ihr seid nicht allein.

Slava Ukraini.

Vier Jahre Krieg gegen die Ukraine – meine Gedanken