Internationaler Equal Pay Day: Erklärt bedeutet nicht gerechtfertigt

Frauen verdienen in Deutschland noch immer 16 Prozent weniger pro Stunde als Männer. Oft wird dagegengehalten: Bereinigt seien es „nur“ 6 Prozent. Doch genau diese Bereinigung verdeckt das Problem. Denn erklärt bedeutet noch lange nicht gerechtfertigt.

Heute ist Internationaler Equal Pay Day. Ein Tag, der daran erinnert, wie weit wir von gleicher Bezahlung für gleiche und gleichwertige Arbeit noch entfernt sind.

Frauen verdienen in Deutschland durchschnittlich 22,81 Euro brutto pro Stunde, Männer 27,05 Euro. Das sind 4,24 Euro weniger – jede Stunde.

Monat für Monat summiert sich das auf Hunderte Euro, Jahr für Jahr auf Tausende. Über ein ganzes Erwerbsleben fehlt Frauen damit ein kleines Vermögen. Geld, das im Alltag fehlt, beim Sparen und später bei der Rente.

„Bereinigt nur 6 Prozent“ ist keine Entwarnung

Beim sogenannten bereinigten Gender Pay Gap werden Unterschiede etwa bei Branche, Beruf, Arbeitszeit, Position und Qualifikation herausgerechnet. Übrig bleiben 6 Prozent.

Das klingt zunächst deutlich weniger. Aber die entscheidende Frage lautet: Warum bestehen diese Unterschiede überhaupt?

Warum arbeiten Frauen häufiger in Teilzeit? Weil Sorgearbeit, Kinderbetreuung und Pflege noch immer überwiegend bei ihnen hängen bleiben.

Warum verdienen Beschäftigte in Pflege, Erziehung oder Sozialarbeit vergleichsweise wenig? Weil die gesellschaftliche und finanzielle Bewertung dieser Berufe eine politische Frage ist.

Warum haben Frauen häufiger Erwerbsunterbrechungen? Auch dahinter stehen Rahmenbedingungen und Rollenverteilungen.

Wer diese Unterschiede aus der Statistik herausrechnet, hat ihre Ursachen nicht beseitigt. Er hat sie nur herausgerechnet.

Deshalb gilt: Erklärt bedeutet nicht gerechtfertigt. Und es bedeutet erst recht nicht diskriminierungsfrei.

Hinschauen reicht nicht

Gleicher Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit ist seit Jahrzehnten eine Forderung. Trotzdem besteht die Lohnlücke weiter.

Auch mehr Transparenz ist notwendig. Die europäische Entgelttransparenzrichtlinie soll unter anderem Auskunftsrechte stärken und ungerechtfertigte Entgeltunterschiede sichtbar machen. Die Frist zur Umsetzung in nationales Recht ist am 7. Juni 2026 abgelaufen.

Aber Transparenz allein reicht nicht. Wer die Lohnlücke wirklich schließen will, muss an die Strukturen ran.

Es geht um bessere Löhne und mehr Tarifbindung. Um die Aufwertung sozialer Berufe. Um Mindestlohn und Minijobs. Um Arbeitszeiten, die Erwerbsarbeit und Sorgearbeit tatsächlich miteinander vereinbar machen. Und um ein Ehegattensplitting, das alte Rollenverteilungen nicht weiter fördert.

Die Lohnlücke fällt nicht vom Himmel. Sie ist das Ergebnis von Strukturen. Und genau deshalb können und müssen wir diese Strukturen verändern.