Wenn der Staat Lebensentwürfe bewertet

Die Forderung ist schnell erzählt – und politisch brandgefährlich: Der CDU-Wirtschaftsflügel will das Recht auf Teilzeit auf bestimmte Gründe beschränken. Das ist faktisch die Abschaffung des Rechtsanspruchs. Teilzeit als Normalität? Unerwünscht. Selbstbestimmte Arbeitszeit? Verdächtig. Was als Lösung für den Fachkräftemangel verkauft wird, ist in Wahrheit ein Frontalangriff auf Millionen Beschäftigte – und auf ein modernes Verständnis von Arbeit und Leben.

Die CDU um Kanzler Friedrich Merz macht seit Wochen Stimmung gegen sogenannte Work-Life-Balance. Die Botschaft ist klar: weniger Rücksicht auf Lebensrealitäten, weniger Flexibilität, mehr Druck. Nun soll Teilzeit nur noch bei Kinderbetreuung oder Pflege akzeptiert werden. Gitta Connemann bringt dieses Denken auf den Punkt: Wer mehr arbeiten kann, sollte mehr arbeiten.
Das ist kein wirtschaftspolitischer Vorschlag. Das ist ein Angriff auf Freiheit und Selbstbestimmung.

Wer ist betroffen? – Teilzeit ist Alltag, kein Sonderfall

Teilzeit ist kein Randphänomen. Teilzeit ist Alltag. Wer das Recht darauf einschränkt, greift Millionen Menschen direkt an – mitten ins Leben. Rund 17 Millionen Beschäftigte arbeiten in Teilzeit. Das ist keine Minderheit, sondern ein zentraler Teil unseres Arbeitsmarkts – der nun bewusst unsichtbar gemacht werden soll.

Teilzeit wird gern auf Kinderbetreuung oder Pflege reduziert. Das greift zu kurz. Es gibt viele Lebenslagen, in denen Vollzeit schlicht nicht machbar ist. Dazu gehören Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen, Alleinerziehende und Beschäftigte mit dauerhafter Mehrfachbelastung. Chronische Erkrankungen, psychische Erschöpfung, fehlende Betreuung, lange Wege, hohe Arbeitsverdichtung – für viele ist Teilzeit die Voraussetzung, überhaupt arbeiten zu können. Wird sie zur Ausnahme, drohen Krankheit, Überforderung oder der komplette Rückzug aus dem Erwerbsleben.

Und dann ist da all die Arbeit, die in keiner Statistik auftaucht, aber unsere Gesellschaft trägt: Ehrenamt, Engagement, Sorgearbeit jenseits klassischer Modelle. Auch das braucht Zeit. Auch das zählt.

Wenn Teilzeit künftig nur noch für Kinderbetreuung und Pflege erlaubt ist, fallen viele durchs Raster. Menschen, die arbeiten wollen. Menschen, die arbeiten. Menschen, die Verantwortung tragen – im Job und darüber hinaus.

Freiheit & Selbstbestimmung – Angriff auf Lebensentwürfe

Teilzeit ist mehr als Arbeitsorganisation. Sie bedeutet Gestaltungsfreiheit über das eigene Leben. Wer dieses Recht beschneidet, greift nicht nur in Arbeitsverträge ein, sondern in die Selbstbestimmung von Millionen Menschen.

Mit der Einschränkung des Teilzeitrechts beginnt der Staat, Lebensentwürfe zu bewerten. „Gute“ Gründe werden akzeptiert, alles andere steht unter Rechtfertigungsdruck. Gesundheit, Erschöpfung, familiäre Konstellationen oder bewusste Lebensgestaltung verlieren ihren Schutz. Aus einem Anspruch wird eine Verhandlung – abhängig vom Wohlwollen des Arbeitgebers.

Begleitet wird das von moralischer Abwertung. Begriffe wie „Lifestyle-Teilzeit“ unterstellen Bequemlichkeit und fehlenden Leistungswillen. Wer nicht Vollzeit arbeitet, gilt schnell als unsolidarisch. Das ist falsch – und respektlos gegenüber Menschen, die oft an ihrer Belastungsgrenze arbeiten.

Die Realität ist eine andere: Teilzeit hält Menschen im Job. Sie verhindert Burnout, Krankheit und Erwerbsausstieg. Sie ist ein Schutzmechanismus – für die Gesundheit, für Familien, für gesellschaftliches Engagement. Wer das ignoriert, produziert weniger Arbeit statt mehr.

Wenn Arbeit politisch wichtiger wird als das Leben, bedeutet das: weniger Zeit für Familie, Erholung und Engagement. Mehr Druck, mehr Kontrolle, weniger Würde. Das Signal ist eindeutig: Der Mensch zählt vor allem als Arbeitskraft. Das ist keine Arbeitsmarktpolitik. Das ist eine politische Entscheidung gegen Freiheit und Selbstbestimmung.

Gleichstellung – ein Rollback auf Kosten von Frauen

Frauen arbeiten nicht aus Bequemlichkeit in Teilzeit, sondern weil Sorgearbeit, Erwerbsarbeit und Erwartungen ungleich verteilt sind. Wer den Rechtsanspruch anfasst, verändert diese Realität nicht – er verschärft sie. Besonders hart trifft das Alleinerziehende. Für sie ist Teilzeit oft die einzige Möglichkeit, Arbeit und Verantwortung zu verbinden. Wird sie zur Verhandlungssache, wird Erwerbsarbeit für viele unmöglich. Armut und Abhängigkeit sind die Folge – das wird politisch billigend in Kauf genommen.

Auch partnerschaftliche Modelle geraten unter Druck. Arbeitszeitmodelle wie 30/30 oder 32/32 werden schwerer durchsetzbar. Männer, die Verantwortung übernehmen wollen, werden ausgebremst, wenn sie keinen Rechtsanspruch mehr haben. Das alte Ernährermodell kehrt zurück – leise, aber wirksam. Gleichstellung wird nicht gefördert, sondern rückabgewickelt.

Die Folgen sind bekannt: geringere Einkommen, mehr Erwerbsunterbrechungen, weniger Aufstieg, mehr Altersarmut. Wer heute Teilzeitrechte infrage stellt, produziert die sozialen Probleme von morgen. Und das Paradoxe: Im Namen von Fachkräftesicherung wird eine Politik betrieben, die Frauen und Männer aus dem Arbeitsmarkt drängt. Gleichstellung wird rhetorisch beschworen – und praktisch beschädigt.

Alternativen – was wirklich hilft

Mehr Arbeit entsteht nicht durch Zwang, sondern durch bessere Bedingungen. Ohne verlässliche Kinderbetreuung, Ganztagsangebote und Pflege-Infrastruktur bleibt vielen gar nichts anderes übrig, als ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Wer hier nicht investiert, verschärft den Fachkräftemangel.

Doch Infrastruktur allein reicht nicht. Entscheidend ist außerdem Zeitsouveränität. Menschen arbeiten mehr, wenn sie über Lage, Ort und Dauer ihrer Arbeit mitentscheiden können. Wenn Arbeitszeiten zum Leben passen, wächst die Bereitschaft und entstehen mehr Möglichkeiten. Druck bewirkt das Gegenteil.

Der zentrale Gegenentwurf zur aktuellen Debatte ist ein Rechtsanspruch auf Vollzeit. Viele Frauen arbeiten wegen Sorgearbeit in Teilzeit und wollen aufstocken. Andere stecken unfreiwillig in Teilzeit, weil ihnen nicht mehr Stunden angeboten werden. In beiden Fällen scheitert der Wechsel in Vollzeit nicht an den Beschäftigten, sondern an fehlenden Rechten gegenüber Arbeitgebern. Es gibt ein Recht, weniger zu arbeiten – aber kein verlässliches Recht auf Vollzeit. Das ist politisches Versagen.

Die Brückenteilzeit ist sinnvoll, aber unzureichend. Sie ermöglicht eine befristete Reduzierung der Arbeitszeit, doch die Hürden sind hoch, die Regelungen starr, die Zumutbarkeitsklauseln weit gefasst. Arbeitgeber wurden geschont – Ablehnungen sind leicht möglich. Was es braucht, sind stärkere Rechte und klare Grenzen für Ablehnungen. Nur so wird aus der Brückenteilzeit ein verlässliches Instrument für moderne Arbeitsbiografien – statt ein wirkungsloses Versprechen.

Hinzu kommen politische Bremsklötze wie Ehegattensplitting und Minijobs. Sie halten Menschen in Abhängigkeit und prekären Jobs. Wer Fachkräfte will, muss diese Fehlanreize beseitigen.

Und schließlich braucht es neue Vollzeitmodelle. 30 bis 35 Stunden als Normalarbeitszeit würden Arbeit gerechter verteilen, Überlastung reduzieren und mehr Menschen ermöglichen, überhaupt mehr zu arbeiten – ohne Gesundheit und Leben zu verschleißen.

Fazit: Mehr Rechte statt mehr Zwang

Freiwilligkeit wirkt. Zwang nicht. Menschen arbeiten mehr, wenn ihre Arbeitsbedingungen stimmen und sie über ihre Arbeitszeit selbst bestimmen können. Wer den Fachkräftemangel ernsthaft lösen will, muss Lebensrealitäten verbessern – nicht Rechte abbauen.