Die AfD will bestimmen, wie Frauen leben
Die AfD spricht viel von Familie. Ihr Regierungsprogramm für Sachsen-Anhalt zeigt, was diese Politik für Frauen bedeutet: mehr Kinder, alte Rollen, weniger Gleichstellung – und große Leerstellen beim Schutz und bei der wirtschaftlichen Unabhängigkeit von Frauen. Ein Frauenbild aus der Vergangenheit.
Ich habe mir das sogenannte Regierungsprogramm der AfD Sachsen-Anhalt genau angesehen. Frauen kommen darin vor allem als Mütter, Schwangere, pflegende Angehörige oder als angeblich privilegierte Konkurrentinnen von Männern vor. Eine Frauenpolitik, die Frauen schützt, ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit stärkt und ihnen unterschiedliche Lebenswege ermöglicht, sieht anders aus.
Was Frauen unabhängig macht, fehlt
Die AfD beschreibt sehr konkret, welche Gleichstellungsstrukturen sie abbauen will. Eine Strategie für gleiche Chancen, mehr Gleichstellung und die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen fehlt dagegen. Kein Plan gegen schlechtere Bezahlung. Keine eigenständige Antwort auf ihre wirtschaftliche Absicherung.
Gleichstellung zeigt sich im Alltag. Vereinbarkeit von Familie und Beruf braucht verlässliche Betreuungszeiten, eine partnerschaftliche Aufteilung der Sorgearbeit, sichere Arbeitsplätze, gute Möglichkeiten für den beruflichen Wiedereinstieg und ein eigenes Einkommen, das zum Leben reicht. Und ganz wichtig: Arbeitszeiten, die ins Leben passen. Für alte Rollen hat die AfD einen Plan. Für die Unabhängigkeit von Frauen nicht.
Frauenpolitik wird zur Geburtenpolitik
Die AfD schreibt selbst, was sie will: Die Familie aus „Vater, Mutter und möglichst vielen Kindern“ soll wieder im Mittelpunkt der Politik stehen. Die Stelle der Gleichstellungsbeauftragten des Landes will sie durch einen Familienbeauftragten ersetzen. Dieser soll staatliches Handeln auf seine Auswirkungen auf die Geburtenrate prüfen.
Damit verschiebt die AfD den politischen Maßstab. Im Mittelpunkt steht nicht, wie Frauen sicher, selbstbestimmt und unabhängig leben können. AfD-Frauenpolitik bedeutet vor allem: Frauen sollen mehr Kinder bekommen. Dafür macht sie Familien großzügige finanzielle Versprechen. Ohne nachvollziehbare Finanzierung sind das ungedeckte Schecks. Entscheidend ist aber, welches Frauen- und Familienbild die AfD zur politischen Norm erhebt.
Wer anders lebt, passt nicht ins Bild
Für die AfD bedeutet normale Familie: Mann, Frau, Kinder. Andere Lebensformen sollen staatlich nicht mehr beworben oder gefördert werden. Besonders deutlich wird das bei Alleinerziehenden. Ihre Leistung werde zwar anerkannt, schreibt die AfD. Zugleich lehnt sie es ab, „Einelternfamilien“ als „normalen, fortschrittlichen oder gar erstrebenswerten Lebensentwurf“ zu sehen.
Das trifft keine theoretische Debatte. Es trifft Frauen, die nach einer Trennung allein erziehen. Frauen, deren Partner gestorben ist. Frauen, die sich bewusst für ein Leben mit ihrem Kind entschieden haben. Es trifft Frauen, die mit einer Partnerin Kinder großziehen, ebenso wie Männer, die mit einem Partner Familie leben oder gründen wollen. Diese Familien sind Lebenswirklichkeit – und keine Familien zweiter Klasse.
Alte Rollen sollen bleiben
Auch bei der Berufswahl wird die Richtung deutlich. Die AfD sieht ausdrücklich kein Problem darin, dass sich deutlich weniger Mädchen für den Polizeiberuf und deutlich weniger Jungen für den Beruf des Erziehers interessieren. Den Girls’ und Boys’ Day will sie abschaffen.
Damit nimmt sie hin, dass Mädchen weiterhin häufiger in typischen Frauenberufen landen. Viele dieser Berufe sind schlechter bezahlt und bieten weniger Aufstiegschancen. Politische Angebote, die jungen Menschen neue Wege zeigen und alte Rollenbilder aufbrechen, erklärt die AfD kurzerhand zum Problem.
Gleichzeitig will sie die bestehenden Instrumente der Gleichstellung abbauen. An den Hochschulen sollen spezielle Förderprogramme für Frauen beendet, Frauenquoten außer Kraft gesetzt und Gleichstellungsbeauftragte abgeschafft werden. Auch Kommunen sollen keine Gleichstellungsbeauftragten mehr einsetzen müssen.
Die Botschaft ist klar: Bestehende Unterschiede sollen nicht mehr ausgeglichen werden. Die AfD behauptet stattdessen, Frauen würden bevorzugt und Männer diskriminiert.
Beim Schutz von Frauen bleibt eine Leerstelle
Frauen erleben Gewalt. Zu Hause, im Internet, am Arbeitsplatz und im öffentlichen Raum. Sie brauchen erreichbare Beratungsstellen, sichere Frauenhausplätze, Prävention und verlässliche Hilfe. Doch im Regierungsprogramm der AfD findet sich dazu keine Strategie. Frauenhäuser kommen nicht vor. Ebenso fehlen konkrete Pläne gegen häusliche, digitale und sexualisierte Gewalt. Das ist keine kleine Lücke in einem umfangreichen Programm. Frauen, die Schutz brauchen, lässt die AfD allein.
Ein Frauenbild aus der Vergangenheit
Es geht nicht darum, Familie abzuwerten. Alle Frauen – egal, wie sie leben – verdienen Anerkennung, Unterstützung und soziale Sicherheit. Sie leben unterschiedlich. Sie sind verheiratet, geschieden, verwitwet oder alleinstehend. Sie leben mit oder ohne Kinder, erziehen allein, arbeiten in der Kita oder bei der Polizei, führen ein Unternehmen oder brauchen Schutz. Politik muss diese Vielfalt ernst nehmen. Sie muss Frauen ermöglichen, ihr Leben selbst zu gestalten – statt ihnen vorzuschreiben, was als normal zu gelten hat.
Genau das tut die AfD nicht. Sie erhebt ein enges Familienmodell zur Norm, hält an alten Rollen fest, baut Gleichstellung ab und hat dort kaum etwas zu bieten, wo Frauen Schutz, gleiche Chancen und wirtschaftliche Unabhängigkeit brauchen.
Wer AfD wählt, wählt ein Frauenbild aus der Vergangenheit.
Und ganz grundsätzlich gilt:
Ja, Politik muss besser werden. Aber die rechtsextreme AfD ist dafür keine Alternative.




