Naturtheater Reutlingen: Ein Abend im Wasenwald, der nachwirkt

Bei der Premiere von „Der Besuch der alten Dame“ im Naturtheater Reutlingen wurde schnell deutlich: Dürrenmatts Klassiker ist kein Stoff von gestern. Die Inszenierung im Wasenwald verbindet starke Schauspielkunst, beeindruckende Bilder und eine bittere Frage, die bis heute trifft: Was bleibt von Moral und Menschlichkeit, wenn Geld, Druck und Bequemlichkeit stärker werden?

Ich war bei der Premiere im Naturtheater Reutlingen – und schon nach wenigen Minuten war klar: Diese Inszenierung trifft. Der Besuch der alten Dame ist ein großes Stück. Düster, grotesk, bitter, manchmal komisch – und am Ende erschreckend aktuell. Friedrich Dürrenmatt erzählt von Claire Zachanassian, die als schwerreiche Frau in ihre verarmte Heimatstadt Güllen zurückkehrt. Die Stadt hofft auf Rettung. Claire bietet Geld. Sehr viel Geld. Aber sie verlangt dafür den Tod von Alfred Ill, dem Mann, der sie einst verraten und gedemütigt hat.

Und dann beginnt das, was dieses Stück so erschreckend aktuell macht. Die Menschen in Güllen lehnen das Angebot zunächst empört ab. Natürlich. Mord für Geld? Unvorstellbar. Doch langsam verändert sich etwas. Die Kleidung wird besser. Die Einkäufe werden größer. Das Gewissen wird leiser. Die Sprache verschiebt sich. Aus Empörung wird Rechtfertigung. Aus Rechtfertigung wird Anpassung. Und irgendwann wirkt das Unmögliche plötzlich fast normal.

Genau diese Entwicklung wurde im Naturtheater wunderbar herausgearbeitet. Besonders stark war, wie die Veränderung der Stadt über die Farben der Kleidung sichtbar und spürbar wurde. Die Inszenierung vertraute hier ganz der Kraft der Bilder. Und diese Bilder zeigten, wie eine Gemeinschaft kippt – nicht auf einen Schlag, sondern Schritt für Schritt.

Großartig war Julia Kars als Claire Zachanassian. Sie spielte diese Figur mit enormer Präsenz: kühl, verletzt, mächtig, unerbittlich – und doch nie eindimensional. Claire ist keine einfache Rächerin. In ihr steckt eine tiefe Verletzung, eine alte Demütigung, ein Leben, das zerstört wurde. Gerade deshalb bleibt auch die immer wieder eingespielte Zeile aus Amy Winehouses Back to Black hängen: I died a hundred times – Ich bin hundert Mal gestorben. Diese Zeile lässt einen nicht los. Weil sie die Figur Claire auf eine erschütternde Weise verdichtet.

Aber das Stück bleibt nicht bei Claire stehen. Es stellt uns alle in Frage. Es fragt, wie käuflich Moral werden kann. Wie schnell eine Gesellschaft bereit ist, Unrecht hinzunehmen, wenn der eigene Vorteil lockt. Wie gefährlich es wird, wenn Menschen nicht mehr als Menschen gesehen werden, sondern als Hindernis, Problem oder Preis.

Und genau deshalb ist „Der Besuch der alten Dame“ so aktuell. Wir erleben auch heute, wie schnell Sprache härter wird. Wie schnell Verantwortung weggeschoben wird. Wie schnell Menschen abgewertet werden, wenn es politisch, wirtschaftlich oder gesellschaftlich opportun erscheint. Das Stück zeigt auf der Bühne, was passiert, wenn eine Gesellschaft ihre Menschlichkeit Stück für Stück verliert – und sich dabei trotzdem einredet, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen.

Das Naturtheater Reutlingen hat diesen Stoff eindrucksvoll auf die Bühne gebracht. So eine Produktion muss erst einmal geschultert werden: mit großem Ensemble, Bühnenbild, Kostümen, Musik, Technik, Organisation, Probenarbeit und sehr viel Engagement. Gerade im Wasenwald bekommt dieser Theaterabend eine besondere Kraft. Unter freiem Himmel, mit einer starken Inszenierung und einem Ensemble, das diesen Stoff ernst nimmt, wird daraus mehr als ein gelungener Theaterabend.

Es ist ein Stück, das unterhält. Aber es lässt einen nicht bequem nach Hause gehen.

Und genau das ist gutes Theater. Es berührt. Es verstört. Es stellt Fragen. Und es bleibt.