Wenn Humanität verhandelbar wird – warum Seenotrettung verteidigt werden muss
Im Mittelmeer sterben Menschen auf der Flucht – jeden Tag. Der Osterappell zur Seenotrettung 2026 zeigt: Es fehlt nicht an Wissen, sondern am politischen Willen. Bereits 2019 habe ich den damaligen Appell mitunterzeichnet. Heute gilt mehr denn je: Wer nicht rettet, bricht mit unseren Grundwerten.
Im Mittelmeer sterben Menschen. Jeden Tag. Allein in den ersten beiden Monaten dieses Jahres wurden rund 660 Tote und Vermisste gezählt – im Schnitt zehn Menschen pro Tag. Das Mittelmeer bleibt eine der tödlichsten Fluchtrouten der Welt.
Der Osterappell zur Seenotrettung 2026, getragen von 128 Bundestagsabgeordneten aus Grünen, SPD und Linken, sendet ein klares Signal: Menschenleben zu retten und das Sterben im Mittelmeer so weit wie möglich zu verhindern, ist staatliche Verantwortung.
Es geht dabei um eine einfache, aber grundlegende Frage: Lassen wir Menschen in größter Not sterben – oder retten wir sie? Seenotrettung ist keine Option, sondern Pflicht – völkerrechtlich verankert und menschlich selbstverständlich. Und trotzdem passiert genau das Gegenteil. Zivile Rettungsschiffe werden behindert, festgesetzt, kriminalisiert und in weit entfernte Häfen geschickt, damit sie nicht retten können. Gleichzeitig arbeitet die EU weiter mit der sogenannten libyschen Küstenwache zusammen – obwohl seit Jahren bekannt ist, was Geflüchteten in Libyen droht: willkürliche Inhaftierung, systematische Folter, sexualisierte Gewalt und Zwangsarbeit.
Dabei geht es nicht um Worte – es geht um konkrete politische Entscheidungen. Noch 2024 hat das Auswärtige Amt unter der Ampel-Regierung zivile Seenotrettung mit rund 1,5 Millionen Euro unterstützt. Das war ein klares Signal: Menschenleben zu retten ist eine Selbstverständlichkeit.
Mit dem Regierungswechsel wurde diese Unterstützung eingestellt. Das ist fatal. Während die vorherige Bundesregierung die Seenotrettung deutlich unterstützt hat, setzt die aktuelle Regierung auf Abschottung und Abschreckung – auch auf Kosten von Menschenrechten.
Das ist kein Randthema. Es geht um unsere Grundsätze. Menschenrechte enden nicht an Grenzen. Sie gelten für alle – auch auf dem Mittelmeer.
Die Forderungen des Osterappells sind deshalb klar und überfällig: Schutz für zivile Seenotrettung statt Behinderung und Kriminalisierung. Rettung an sichere Orte mit Zugang zu fairen Asylverfahren. Keine Zusammenarbeit mit Akteuren, die Menschenrechte systematisch verletzen. Und ein europäisches Seenotrettungsprogramm, das Leben rettet.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob Handeln möglich ist – sondern ob der politische Wille da ist. 2019 gab es dafür noch eine breite demokratische Mehrheit im Bundestag – über Fraktionsgrenzen hinweg, auch aus CDU und FDP. Heute ist diese Einigkeit zerbrochen.
Aber eines bleibt: Wer Menschen ertrinken lässt, obwohl Hilfe möglich ist, trägt Verantwortung. Für mich ist klar: Seenotrettung darf nicht länger behindert werden – sie muss geschützt, unterstützt und endlich politisch organisiert werden.
Denn Menschen, die vor Krieg, Gewalt und Not fliehen, verdienen Schutz. Sie verdienen Sicherheit, Würde und eine Perspektive.
Osterappell zur Seenotrettung 2026 -unterzeichnet von 128 Bundestagsabgeordneten (Grüne, SPD und Linke)
Herzlichen Dank an Marcel Emmerich und Filiz Polat, die diesen Appell federführend für die grüne Bundestagsfraktion erarbeitet haben.







